Judo als Leistungssport

„ Alles für das Gewinnen und Verlieren
aufs Spiel setzen,
weil ich in dieser Hinsicht
Judo als Spiegelbild des ganzen
Menschlichen Lebens sehe.“

( Olympiasieger, Weltmeister und
Alljapanischer Meister Isao Okano in: Klocke, 2001, S. 12)

Judo im leistungssportlichen Bereich hat mit Gesundheitssport nichts zu tun. Diese Aussage kann durch den Trainingsumfang, die Trainingshärte und die Wettkampfspezifik dieser Sportart unterlegt werden. Der (Wett-) kampf steht für den Kampf Mann gegen Mann mit allen regelgerechten Mitteln unter höchster Kraftanstrengung und absoluter Ausnutzung individueller Fertigkeiten und Fähigkeiten. Betrachtet man das Anforderungsprofil dieser Sportart, wird deutlich, dass alle Komponenten zur Realisierung einer sportlichen (Höchst-) leistung gefragt sind.
Neben dem Prinzip des kontinuierlichen Leistungsaufbaus müssen sowohl konditionelle, technische, psychologische als auch motivationale Aspekte geschult werden, um ein leistungssportliches Niveau erreichen zu können.

Der konditionelle Aspekt gliedert sich in Kraft- und Schnelligkeitstraining. Hierbei muss jeweils das Grundlagentraining, die Trainingsperiodisierung und die Leistungsdiagnostik berücksichtigt werden.
„In der Kampfsportart Judo spielt die Technik (allgemein oder speziell) zum Erreichen von sportlichen Höchstleistungen eine zentrale, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle und bildet, wie in vielen anderen Sportarten auch, die leistungslimitierende Komponente.“ (Grosser/Neumaier 1982, S. 8ff)
Bezüglich der Klassifizierung nach Fertigkeitstypen (Mechling) zählt Judo zu den Sportarten der Kategorie Fertigkeitstyp vier.
Die Zweikampfsportart Judo nimmt in dieser aufgabenorientierten Gruppierung sportlicher Bewegungen den höchsten Stellenwert ein. Vergleichbar mit den Spielsportlern muss ein Judoka in der Lage sein, seine Spezialtechnik (z.B. Uchi-Mata) unter unvorhersehbaren, d.h. durch den Gegner beeinflussten, situativen Gegebenheiten entsprechend zu kombinieren (Ko-Uchi-Gari etc.) und/oder gegen einen maximalen Widerstand des Kontrahenten durchzusetzen.
Folgende übergreifende Schlussfolgerungen lassen sich bezüglich des Techniktrainings aufstellen:
• Um ein hohes Leistungsniveau in einer Sportart wie Judo zu erreichen, fordert die Sportwissenschaft eine rechtzeitige Spezialisierung auf der breiten Basis einer allgemeinen koordinativen Grundausbildung.
• Diese Spezialisierung bedeutet nicht die Versteifung auf eine einzelne Technik oder Technikgruppe, sondern eine vielseitige Auswahl aus den unterschiedlichen Bereichen mit den ihnen zugrundeliegenden Prinzipien.
• In der Judoanfängerausbildung sollte aufgrund dessen eine altersgemäße Auswahl an Techniken aus den Bereichen Stand, Boden und dem Übergang Stand-Boden getroffen werden.
• Außerdem sollten die Techniken methodisch vermittelt, mit zahlreichen Spiel- und Übungsformen variiert und in der Rechts- und Linksauslage erlernt und trainiert werden.
(Matusche, 2001, S. 39)

Der psychologische Bereich konzentriert sich auf das mentale Training und die Fehlerkorrektur. Das mentale Training als verdecktes Wahrnehmungstraining, als ideomotorisches Training oder als subvokales Vorsprechen findet hier Anwendung.
(Matusche, 2001, S. 49)
Die Fehlerkorrektur lässt sich mit der Informationsgebung/Rückmeldung charakterisieren. Man unterscheidet Synchron- oder Sofortinformation, Schnellinformation und Spätinformation. (Matusche, 2001, S. 50)
„Eine Fehlerkorrektur sollte zum richtigen Zeitpunkt erfolgen und passend zum Niveau des jeweiligen Sportlers sein. Dies verhindert das „Einschleifen“ eines ungünstigen bzw. falschen Bewegungsablaufs und den damit verbundenen Mehraufwand beim Umlernen sportlicher Techniken.“ (Matusche, 2001, S. 51)
Zur Entwicklung des langfristigen Trainingsaufbaues entwickelte die AG 2000 zu Hochleistungssport konzeptionelle Überlegungen:
In der Grundausbildung lautet das Motto „Judo spielen lernen“. Alle Nachwuchsjudoka streben in der Grundausbildung den Gelbgurt an.
Im anschließenden Grundlagentraining wird der Grün- oder Blaugurt angestrebt. Für die Nachwuchsjudoka heißt das Motto nun „Judo kämpfen lernen“.
Das Aufbautraining für Jungen bis 17 Jahre und Mädchen bis 15 Jahre hat als übergeordnetes Credo „Judo wettkämpfen lernen“. Ziel ist der Braungurt bzw. der erste DAN.
Im Anschlusstraining für Jungen bis 21 Jahre und Mädchen bis 18 Jahre des B- und C-Kaders gilt der Grundsatz „Judo leisten lernen“.
Für Männer ab 18/19 und Frauen ab 17 gilt im Hochleistungstraining „Judo siegen lernen“. (Matusche, 2001, S. 3 ff)
Neben Mehrjahrestrainingsplänen existieren (in absteigender Reihenfolge bzgl. der Zeit) der Jahrestrainingsplan, der Makro (Meso-) zyklusplan, der Wochentrainingsplan und der Trainingseinheitenplan. (Matusche, 2001, S. 12)
„Als Rahmentrainingsplan bezeichnet man die auf der Trainingskonzeption eines Fachverbandes basierenden verallgemeinerten Richtlinien zur Gestaltung des Trainingsprozesses für definierte Sportlergruppen.“
„Ein individueller Trainingsplan enthält Angaben zur Gestaltung des Trainingsprozesses des einzelnen Sportlers.“

„Ein Gruppentrainingsplan enthält Angaben zur Gestaltung des Trainingsprozesses von Sportlern mit annähernd vergleichbarem Leistungszustand und gleicher Trainingszielsetzung.“ (Matusche, 2001, S. 12)
Judo als Leistungssport ist trotz langjähriger Wettkampfgeschichte eine Randsportart geblieben. Das relativ komplizierte Regelwerk verhindert trotz zahlreicher Reformen
eine Zuschauerwirksamkeit, wie sie diese Sportart jeher in Japan genießt.
Ein Judowettkämpfer investiert 16-20 Stunden in der Woche in sein Training, um in internationalen Meisterschaften Erfolge erringen zu können.
Dies setzt einen frühzeitigen Einstieg mit der entsprechenden Förderung seitens der Eltern, des Verbandes und der Trainer voraus.
Der enorme Trainingsaufwand wird nur durch die individuelle Entwicklung und die positiven Effekte des Judo-Wettkampfsports gerechtfertigt. Nicht alle Schüler werden für eine leistungssportliche Karriere im Judosport gewonnen werden können. Zu viel Angebot im sportlichen Bereich und oft eine ungenügende Einstellung verhindern dies. Diejenigen, die sich für diesen Weg entscheiden, bleiben ihrer Sportart in der Regel lange Jahre treu.