Eines der wichtigsten Prinzipien des Judo stellt das Begrüßungsritual dar.
Es gibt im Sport viele unterschiedliche Arten, sich zu grüßen. Die Fechter grüßen sich und das Kampfgericht mit der Klinge, Reiter lüften ihre Kopfbedeckung und Ringer schütteln sich die Hände. Der Judosport hat die asiatische Form des Grüßen übernommen .
Zu Beginn und am Ende jeder Judoeinheit steht das formelle Grüßen im Kniesitz. „Dabei geht man zuerst auf das linke, dann auf das rechte Knie; man streckt die Zehen und legt die großen Fußzehen übereinander. Die Knie sind etwa zwei Faustbreit auseinander, die Hände liegen auf den Oberschenkeln, die Arme sind locker an den Körper gelegt.“ (Beisner, 1977, S.44)
Der Trainer kniet frontal zu den Schülern, die sich der Gürtelfarbe nach vor ihm abknien. Auf den Ruf „Rei“ ( japanisch „Grüßen“ ) des Trainers oder des Schülers mit der höchsten Graduierung, der am Anfang der Schülerreihe kniet, verbeugen sich Lehrer und Schüler voreinander. Sie legen die Hände auf der Matte ab und verneigen sich.
Die Ruhephase vor der Verbeugung dient zur Konzentration der Schüler. Vor jedem Training sollen sie dadurch die Gelegenheit bekommen, von der Alltagswelt abzuschalten und sich ganz auf die bevorstehende Trainingseinheit zu konzentrieren. Dies ist Tradition und dient ebenfalls der Verletzungsprophylaxe, da die Schüler zur Ruhe kommen und sich mental auf Judo einstellen. Für Schüler, die noch keinen Zugang zum Judo haben, hat diese Verbeugung etwas respekteinflößendes und sie nehmen dieses Ritual sehr ernst. Damit die Schüler auch die Gelegenheit haben, sich seelisch wieder zu beruhigen und vom Judotraining abzuschalten, sollen sie sich am Ende der Einheit ebenfalls wieder am Mattenrand absetzen, konzentrieren, entspannen und verbeugen.
Vor und nach jedem Übungs - oder Kampfkontakt mit dem Partner verbeugen sich die Judoka ebenfalls voreinander. Mit dieser Verbeugung zeigt jeder der beiden Judoka, dass er sich an die Regeln halten wird, seinen Partner nicht verletzen will und ihn achtet. „Er demonstriert damit, dass Judo nicht darin besteht, Aggressionen auszuleben, den Gegner zu „demontieren“ oder moralisch zu vernichten, sondern daß die Würde des anderen z.B. auch in der Niederlage gewahrt bleibt.“ (Clemens, 1989, S.21)
„Dass dieses Begrüßungsritual, das auch die Achtung vor den Partnern ausdrücken soll, nicht nur eine Floskel ist, wird dadurch bewiesen, daß die Schüler bereit sind, jeden aus der Gruppe als Partner zu akzeptieren.“ (Frank, 1988, S.46)
Anton Geesink stellt demgegenüber die These auf, dass es sich hier um eine „…falsche Mystik rund um die Gruß-Etikette“ handelt.
„…der Japaner…vollzieht dies mit einer höflichen Verbeugung…aus hygienischen Gründen“. „Verschwitzte, ungewaschene Hände schütteln, Hände, die mit der Matte in Berührung waren, wäre vollkommen konträr zu seiner Auffassung von Hygiene.“ (Geesink, 1977, S.21)