Allgemeine persönlichkeitsfördernde Faktoren von Kampfsportarten sind:
• Kampfsportarten geben sich Regeln, nach denen die körperliche Auseinandersetzung stattfindet.
• Sie setzen Freiwilligkeit bei der körperlichen Auseinandersetzung voraus.
• Das Kämpfen wird von einem Schiedsrichter/Kampfrichter begleitet.
• Im allgemeinen herrscht ein Gleichgewicht der Partner.
• Es gibt die Möglichkeit auszusteigen, bzw. den Kampf jederzeit zu beenden.
• Kampfsportarten unterstützen das Einhalten von Regeln und Strukturen.
Judospezifische persönlichkeitsfördernde Faktoren von Kampfsportarten sind:
• Judo ist eine Zweikampfsportart mit engem Körperkontakt. Judo ist Arbeit mit dem Körper. Deshalb fördert Judo das Verstehen-Lernen von Körpersignalen und Körpersprache. Es wird eine motorische Lesefähigkeit ausgeprägt.
• Ein großer Teil der Kommunikation findet im Judo durch den körperlichen Kontakt statt. Dies stellt ein wesentliches Regulativ zu der zumeist verbal bzw. audio-visuell stattfindenden Alltagskommunikation dar.
• Judo erleichtert das eigene und fremde Rollenverständnis. Um besser zu werden, muss man sich in den Partner einfühlen können. Im Judo ist das Übernehmen der Partnerperspektive im Übungsprozess eine Selbstverständlichkeit ( Perspektiven-Übernahme ). Damit einher geht das Verständnis für die Rolle. Uke erleichtert Tori das Ausführen der Technik; Tori ist für Uke verantwortlich. Es kommt zur Übernahme von Werten und Normen im Übungsprozess.
• Judo fördert die Wahrnehmung eigener und fremder Bedürfnisse, eigener und fremder Grenzen, die Wahrnehmung von Nähe und Distanz. Schmerz und Freude werden unmittelbar (mit-)geteilt. Da ist kein Entkommen möglich.
• Judo steigert die Frustrationstoleranz, das Aushalten von körperlicher Nähe, das sich Wehren gegen die unliebsame Nähe, das Akzeptieren von Überlegenheit, das Sich-Überwinden, das Sich-Aufbäumen.
(nach Pilz 2001, in: „Judo – Chance in der Gewaltprävention?“)
“Kampfkunst gibt durch einen klaren sozialen und äußeren Rahmen klare Wertvorstellungen, Orientierungs- und Verhaltenssicherheit.”
(Kühn 1994, S. 493)
Auch Judo hat einen traditionellen Rahmen, wie das An- und Abgrüßen in der Gruppe. Rituale regeln das Zweikämpfen, so dass ein Ausleben der eigenen Aggressionen ohne Bestrafung möglich ist.
Dieser Vorteil der Kampfsportarten, und hier speziell von Judo bietet im Rahmen einer gesteuerten Aggressionsabarbeitung Chancen in der Gewaltprävention.
„Der Sport ist dabei für viele Jugendliche oft das einzig übriggebliebene Erfahrungsfeld, auf welchem sie Erfolg, Selbstbestätigung, positives Gruppenerlebnis mit Anerkennung und Gruppenerfolg erfahren können. Durch sportliche Aktivitäten können:
Aggressionen und motorischer Betätigungsdrang “gesteuert” abgearbeitet,
vorhandene körperliche Fähigkeiten positiv eingesetzt,
mit vertrauter Betätigung Schwellenängste gegenüber dem sonstigen Angebot abgebaut,
die Beziehungen von Jugendlichen (vor allem aus Randgruppen) untereinander, zu ihrer Umwelt und zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geübt und verbessert, das Akzeptieren vorhandener Regeln erlernt, Erfolgserlebnisse erzielt werden.“
(nach Pilz 2001, in: „Judo – Chance in der Gewaltprävention?“)
Kühn hat folgende Punkte zusammengetragen, die Kampfkunst für Jugendliche attraktiv macht:
• körperliche Aktivität, Kondition, Fitness.
• Sicherheit und Orientierung durch klare Werte.
• Selbstbewusstsein durch Stärke und Technik, Gefühl der Überlegenheit und Unangreifbarkeit, Überwindung von Ohnmacht.
• Fähigkeit zur Selbstverteidigung.
• Stabilisierung (traditioneller) männlicher Identität durch Aggressivität, Körperkraft, Konkurrenz.
• Raum für das Erleben und Ausleben eigener aggressiver Impulse.
• Suche nach einer starken möglicherweise auch fördernden Autorität.
(Kühn 1994, S. 488)
Nach Kühn stellen folgende Punkte die Vorteile von Kampfkünsten in der Jugendarbeit dar:
• Kampfkunst setzt an den Stärken von Jugendlichen, ihrem Erlebniswunsch und Bewegungsdrang an.
• Kampfkunst bietet einen ganzheitlichen Zugang im Sinne von Körper-Seele-Geist-Einheit.
• Kampfkunst bietet einen geschützten Erfahrungsraum zum Erleben verdeckter Gefühle und Erproben neuer Verhaltensweisen, insbesondere mit Gefühlen wie Angst, Unsicherheit, Wut, Aggression.
• Kampfkunst gibt durch den klaren sozialen und äußeren Rahmen klare Wertvorstellungen, Orientierungs-, und Verhaltenssicherheit.
• Kampfkunst ermöglicht die Erfahrung körperlicher Sinnlichkeit und fordert die Körperwahrnehmung.
• Kampfkunst ermöglicht direkte Erfolgserlebnisse über Körper- und Technikbeherrschung.
• Jugendliche lernen am Modell, am Vorbild des Lehrers, der Lehrerin.
• Kampfkunst fördert soziales Lernen, insbesondere Rücksichtnahme, Respekt, Verantwortung für sich und andere.
• Jugendliche werden nicht funktionalisiert, nicht zu Objekten der Pädagogik, sondern als Personen angesprochen
• Kampfkunst ermöglicht ein positives Verhältnis zu Autorität im Sinne der ursprünglichen Wortbedeutung von “vermehren, fördern, zu entwickeln“.
(Kühn 1994, S. 492)
Ziele bzw. Begründungen von Judo in der Gewaltprävention sind also:
• Schaffung von Bewegungsanlässen und –angeboten.
• Stärkung des Selbstwertgefühls, Aufbauen von Selbstbewusstsein.
• Menschen die auf Grund ihrer körperlichen Verfasstheit meist Opfer körperlicher Gewalt sind, wehrhaft und angstfreier zu machen.
• Anleitung zu Selbstdisziplin und Selbstkontrolle.
• Stärkung des Selbstwertgefühls.
• Aggressions- und Frustrationsabbau; Lernen, Überschuss an physischer Energie auf angemessene Weise durch strukturierte Aktivität umzusetzen.
• Akzeptieren von gesteckten Rahmenbedingungen (Erarbeiten und Einhalten von Verhaltensregeln).
• Stärken der eigenen Verhaltenskontrollmechanismen.
• Thematisierungen und Durchbrechungen von gewaltförmigen Durchsetzungs- und Selbstbehauptungs-Strategien.
• Konsequentes Einschreiten gegen Gewalt mit anschließender pädagogischer Bearbeitung (z.B. Täter-Opfer-Ausgleich) nicht aber (Vereins-) ausschluss.
Kühn formuliert folgende Bedenken:
• Studium dieser Künste ist auf Dauer angelegt, tendenziell ein Leben lang, dies steht in offensichtlichem Gegensatz zum kurzfristigen Charakter der Jugendarbeit generell und in der Regel befristeten Angeboten im besonderen.
• Qualifikation der Kampfkunst-Lehrer und Lehrerinnen. Gefahr der Überbetonung von Kraft und Technik und Vernachlässigung der geistig-spirituellen Entwicklung und Kompetenz.
Gefahren des Einsatzes der Kampfkunst in der Gewaltprävention sieht KÜHN (1994, 494) vor allem in folgenden drei Punkten:
• Pädagogische Intention und friedensfördernde Absicht können nicht verwirklich werden, der Jugendliche lernt nur noch effektiver zuzuschlagen.
• Absicht mit Kampfkunst eine soldatisches, hartes Menschen- und Männerbild zu propagieren.
• Stabilisierung des Bildes des einsamen, unbesiegbaren Helden und Konterkarierung des Bemühens um die Emanzipation von überkommenen Rollenklischees.
(Kühn 1994, S. 493-494)