Soziales Miteinander anhand festgelegter Regeln

Im Judo bzw. bei judospezifischen Partnerübungen stehen Schüler ständig in Kontakt mit anderen Menschen. Für die Schüler stellt dies eine besondere Situation dar.

In Klassen bilden sich oft kleine Grüppchen und die Schüler suchen sich aus, neben wem sie sitzen möchten oder am Nachmittag ihre Freizeit verbringen. Aufgrund der Tatsache, dass der Judosport  Partnerübungen betont und die Schüler darauf hingewiesen werden, dass sie bei jedem Partnerwechsel neue Erfahrungen sammeln, davon profitieren und somit selbst durch die Hilfe des anderen besser werden, finden auch unbeliebtere Schüler Eingliederung.
Die Judoübungen „…leben vom hohen Krafteinsatz, von großer körperlicher Nähe auch solcher Schüler untereinander, die sich sonst weniger akzeptieren oder körperlich berühren, sowie vom gemeinsamen, zielgerichteten und kooperativen Handeln.“ (Zielke, 1996, S.51)
Die fernöstliche Abstammung des Judo erweckt bei vielen Schülern ein besonderes Flair, das auch mit dazu beiträgt, dass sie die aufgestellten Regeln einhalten. Es ist besonders wichtig, den Schülern die Judoregeln von Anfang an nahe zu bringen, damit es zu einem lustvollen Kräftemessen ohne großes Verletzungsrisiko kommen kann, wobei sich die Judoka selbst immer wieder daran erinnern. Durch die Reaktionen des Partners lernen die Schüler recht schnell, wie weit sie gehen dürfen, um dem anderen nicht zu verletzen. Die Schüler werden innerhalb der aufgestellten Regeln lernen „…die Spielräume einschätzen zu können, die der andere braucht, um an der Sache noch Freude zu haben.“ (Funke, 1988, S.20)
Grundregeln des Judo sind das Signal zum Kämpfen ( japanisch „Hajime“ ) und das Zeichen zum Lösen der beiden Kämpfer voneinander ( japanisch „Mate“ ). An diese Signale müssen sich die Partner unverzüglich und in jeder Einheit halten. Oberste Regel ist immer die Unversehrtheit des Partners. „Der Judosport zeichnet sich nämlich gerade dadurch aus, dass er ein hohes Maß an Rücksichtnahme und Verantwortungsgefühl von den Sportlern verlangt und ihnen sogar anerzieht.
So schließen die Wettkampfregeln eine ernsthafte Gefährdung des Gegners (selbst bei Armhebeltechniken und Würgegriffen) aus.“ (Clemens, 1989, S.10) Der Kampfrichter unterbricht im Jugendbereich sofort durch das Signal „Ippon - Soremade“ ( volle Punktzahl, „das ist alles“ / Ende ), sollte der alleinige Ansatz solch einer Technik sichtbar sein. Der Judoka muss sofort von seinem Gegner ablassen, um ihn nicht zu gefährden. Im Training liegt diese große Verantwortung bei beiden Partnern.

Tori darf Würge- oder Hebeltechniken nur langsam und nicht ruckartig ansetzen, um Uke nicht zu verletzen. Nun liegt es an Uke durch Abklopfen aufzugeben, damit beide wieder aus neutraler Position mit dem Kämpfen beginnen können.
Eines der wichtigsten Signale im Judo, das unverzüglich umgesetzt werden muss, ist das Abklopfen bzw. Aufgeben.  Bereits in der ersten Stunde sollte das Zeichen hierfür gelernt und auf die Einhaltung der Regel geachtet werden. Jeder kann den Kampf durch zweimaliges Abklopfen am Partner oder mit einem Körperteil auf der Matte beenden. Dies gilt als Zeichen für die Aufgabe und muss vom Partner sofort akzeptiert werden.
Durch die festgelegten Regeln können die Schüler …“ihrem Bedürfnis nach Sicherheit nachkommen und gleichwohl das unheimliche Wagnis des Kämpfens eingehen.“ „Sie sozialisieren den Kampf, indem sie ihn regeln.“ (Funke, 1988, S.16) Die Schüler halten sich normalerweise anstandslos an diese Regelungen, da sie selber auch nicht verletzt werden wollen.
Judosport bedeutet nicht nur das bloße Umsetzen von Regeln unter Strafandrohung. Den Schülern soll bewusst werden, dass ein Kampfspiel nur so lange ein Spiel ist und Spaß macht, wie es für beide Spieler schmerzfrei ist und sich beide Partner an die aufgestellten Regeln halten. Bei vielen Schülern führt diese Erkenntnis dazu, dass sie auch außerhalb der Einheiten keinen Gefallen mehr daran finden, ihre Aggressionen an schwächeren Schülern auszulassen.
Im Judosport ist von vorneherein grundsätzlich alles verboten, was als unfair in Kampfspielen gilt, z.B. Beißen, Kratzen, Treten, Schlagen oder Zwicken, im Judounterricht in der Schule zusätzlich Würgen und Hebeln. Weitere Einschränkungen sind für den Schulsport weitgehend überflüssig, da durch Bewegungsaufgaben (wie z.B. Tori setzt an, Uke gibt Rückmeldung) der Handlungsspielraum vorgegeben ist und die Schüler sich gegenseitig an die vereinbarten Regeln erinnern.
Auch im Randori, dem „freien Übungskampf“, sind alle Regeln und Verbote einzuhalten. Die beiden Kämpfer dürfen regelgerecht jede beliebige Technik, Taktik oder Finte anwenden unter der Prämisse, sich nicht vorsätzlich verletzen zu wollen.

Nach B. Müller und H. Eick gibt es durchaus ein „Miteinander – Gegeneinander - Kämpfen“. Sie zeigen, dass es möglich ist körperliche Auseinandersetzungen zu haben, ohne dass daraus ein unkontrollierter aggressiver Kampf entsteht.
Die Schüler erfahren beim gegenseitigen Überwindungsversuch ihre eigenen Kräfte und Grenzen und sollen die Bedeutung der Regeln beim Kämpfen erfahren. Die Schüler zeigen Gefallen an regelgeleiteten Kämpfen und verausgaben sich. Es ist auf jeden Fall anzunehmen, dass „…solche körperbezogenen Erfahrungen in ähnlicher Weise zur Gewissensbildung und Moralerziehung beitragen können…“. (Funke, 1988, S.18)