Steigerung des Selbstbewusstseins

Eine der bedeutendsten psychologischen Auswirkungen des Judosports ist die Steigerung des Selbstbewusstseins:

Viele schüchterne und eher zurückhaltende Kinder gehen dem Judosport nach. Sie haben ein „…großes Bedürfnis nach Sicherheit und Selbstbestätigung. Judo bietet durch seine sportspezifischen Eigenheiten vorzügliche Möglichkeiten, den Ehrgeiz und den Leistungswillen der Schüler durch entsprechende Aufgabenstellung zu wecken und zu stärken und dadurch … Erfolgserlebnisse zu vermitteln, die wiederum neue Motivation freisetzen.“ (Clemens, 1989, S.28) Gerade Schüler, die oft von anderen gehänselt werden, unsicher sind und schlecht Anschluss finden, werden im Judo das Gefühl der Zugehörigkeit erleben. Durch den ständigen Körperkontakt mit unterschiedlichen Partnern können sie Zugang zu anderen Schülern finden. Sie werden im Training nicht ausgeschlossen, da jeder einen Partner benötigt und daher alle Kinder gleich wichtig sind.
Für Jungen und Mädchen bietet Judo die Möglichkeit, „…auch im Unterricht körperlichen Kontakt miteinander aufnehmen zu können.“ (Müller, 1996, S.42)
Die beliebten Spiele wie z.B. „Jungen fangen Mädchen“, die in den Pausen gerne gespielt werden und erstmalige vorsichtige Annäherungen zwischen den beiden Geschlechtern zulassen, können im Judo ganz unbefangen umgesetzt werden, denn jeder soll möglichst mit jedem Partner einmal trainieren.
Mädchen erhalten durch Judoübungen die Möglichkeit, sich einmal gegen Jungen durchzusetzen, da es nicht ausschlaggebend ist, wie viel Kraft man hat, sondern wie geschickt man sich anstellt, den Partner aus dem Gleichgewicht zu bringen. So kann es durchaus einmal passieren, dass „…als „stark“ geltende Jungen plötzlich von einem Mädchen besiegt …“ ( Müller, 1996, S.42 ) werden. Für Mädchen können solche Erfahrungen das Tor zu einem völlig neuen Selbstbild öffnen: „Das hätte ich mir ja gar nicht zugetraut, dass ich das schaffe!“
Diese Erfahrungen können nicht nur von Mädchen gemacht werden, sondern von jedem Schüler, der ein schwaches Vertrauen in sich selbst hat. Ein besonders übergewichtiger Schüler kann, wenn er sein Gewicht geschickt einsetzt, im Judounterricht Vorteile daraus ziehen, obwohl er im normalen Schulsport eher ungeschickt ist und deshalb Misserfolg erntet.

Der Schüler kann durch das Erfahren seiner Überlegenheit im Sportunterricht erkennen, dass es doch eine Sportart gibt, in der er erfolgreich sein kann und dadurch neues Selbstbewusstsein schöpfen. Die anderen Schüler erkennen, dass es etwas gibt, was der übergewichtige Schüler besser kann als sie. Er erhält dadurch die Chance, aus seiner Opferrolle auszubrechen.
Allgemein stellt Judo für die Schüler einen Erfahrungsraum dar, in dem sie regelgeleitet die Grenzen ihres Körpers und den Partner kennenlernen. Es ist daher wichtig, nicht von Anfang an mit vollständigen Judotechniken zu beginnen, sondern spielerische Technikübungen in den Unterricht einzubauen, die den Schüler zur Zielform bringen und ihm immer wieder Teilerfolge ermöglichen. „Indem wir den Schülern Hilfen für die Entdeckung des eigenen Körpers und seiner Funktionsmöglichkeiten geben, geben wir ihnen zugleich Vertrauen zu ihrem Körper und sich selbst. Selbstvertrauen wiederum scheint eine bedeutende Voraussetzung für den gewaltfreien Umgang miteinander zu sein.“ (Ben-Channan, 1994, S.50)
Wenn die Schüler gelernt haben, ihre eigenen Schwächen und Stärken nicht nur zu erkennen, sondern auch zu akzeptieren, bekommen sie ein neues Bild von sich. Sie lernen, dass sie nicht in allen Bereichen gut sein können und erfahren, in welchen Bereichen sie noch an sich arbeiten müssen. In anderen Bereichen sind sie dafür besser als andere und erlangen dadurch größeres Selbstvertrauen. Ein Mensch, der mit sich selbst zufrieden ist und das nötige Selbstbewusstsein besitzt, hat es meist nicht nötig, anderen etwas zu beweisen.