Vermittlung von Kooperation und Verantwortung für den Partner

Der Grundgedanke des Judo beinhaltet die Vermittlung von „Achtung, Höflichkeit und Respekt vor dem Partner sowie die Gewaltlosigkeit der Bewegung“.
(Frank, 1988, S.39)
Dieses psychologische Prinzip lernen die Schüler bereits in der ersten Judostunde kennen, sobald es daran geht, mit dem Partner zusammen zu arbeiten. Wer sich nicht daran hält, wird vom Partner darauf hingewiesen, so dass ein Eingreifen des Lehrers oft nicht nötig ist. Ein Schüler, der sich seinem Partner gegenüber rücksichtslos verhält, wird bald keinen Partner mehr finden und wird gezwungen sein, sein Verhalten zu ändern. Da die Schüler oft bereits ein gewisses Aggressionspotential in sich haben, ist das Ziel des Judounterrichts, diese aggressiven Kontakte in „unverfängliche, kameradschaftliche und spannende Begegnungen zu verwandeln und die Schüler zum verantwortungs- und rücksichtsvollen Umgang mit dem Partner zu erziehen“. (Frank, 1988, S.39)
Nachdem die Schüler immer rücksichtsloser miteinander umgehen, erfahren sie in den Judoeinheiten ein für sie oft unbekanntes Gefühl des „gegenseitigen Vertrauens“. Bei Partnerübungen wird sich immer ein Partner unterwerfen ( bzw. halten oder werfen lassen ) und die Gesundheit seines Körpers somit ganz in die Hand des Partners legen.
Judo ist eine Sportart, die durch den Partner erst ihre Bedeutung erhält. Man kann Judo nicht (wie z.B. Karate) alleine ausüben, sondern ist auf die zweite Person angewiesen. Dieses Vertrauensverhältnis ist besonders beim Erlernen neuer Techniken notwendig, da die Schüler eventuell nicht dazu bereit sind, sich von ihrem Partner ohne weiteres werfen zu lassen. Um eine Einseitigkeit im Training zu vermeiden und die Schüler zur Verantwortung allen Schülern gegenüber zu erziehen, sollte innerhalb der Übungsphasen wiederholt ein Partnerwechsel stattfinden. Selbstverständlich bleiben die „Lieblingspartner“ noch erhalten, aber für die Schüler stellt der Wechsel des Partners bereits nach den ersten Einheiten eine gelungene Abwechslung bei der Erprobung ihrer Technik dar.

Gerade beim Erfassen neuer Technikbilder ist Uke ( passiver Partner = Uke ) auf das Feedback Toris ( aktiver Partner ) angewiesen. Da die Techniken Schritt für Schritt erlernt werden, ist es notwendig, dass Uke Tori mitteilt, ob dieser Griff ihn aus dem Gleichgewicht bringen würde bzw. richtig angesetzt ist. Die Übungen werden zunächst im Stand ohne Widerstand ausgeführt. Tori ist darauf angewiesen von Uke konstruktive Kritik zu empfangen, anhand welcher er seine Technik verbessern kann.
Auch wird es nicht zum Erfolg führen, wenn sich Uke gegen den Griff sperrt, um ein Werfen Toris zu vermeiden. Dies verhindert ein korrektes Erfassen und Einüben der Grobform einer Technik.
Grundvoraussetzung des Erlernens jeder Technik ist es, dem Partner zu vertrauen und ihn durch aktive Mithilfe und Kritik auf seinem Weg zur Zielvorgabe zu unterstützen. Die Rückmeldung durch den Partner ist meist effektiver als jede Kritik eines Außenstehenden. Haben die Schüler dies verstanden und verinnerlicht, kommt es kaum noch zu Kommentaren wie „mit dem will ich aber nicht machen“. Sie wissen, dass sie von und mit jedem Partner lernen können. Durch den ständigen Kontakt mit dem Partner lernen die Schüler, ihren Krafteinsatz auf den Partner abzustimmen um ihn nicht zu verletzen, aber trotzdem kämpferisch tätig zu sein.
Auch die Hilfestellung beim Werfen des Uke gehört zur Aufgabe des Tori, der für das Wohl seines Partners verantwortlich ist. So erfahren die Schüler, wie gefährlich es sein kann, jemanden im Pausenhof zu schubsen. Dort liegen weder Matten, noch hält man den anderen fest und begleitet ihn beim Fallen bis zum Boden. Bei Anfängern ist dieses große Vertrauen, das Vereinsschüler in der Regel auszeichnet, noch nicht vorhanden. Daher besteht die Möglichkeit, dass Tori vor jedem Wurf seinen Uke fragen muss, ob er ihn werfen darf. Allein schon das Gefühl, die Entscheidungsfreiheit über Fallen oder Stehen bleiben zu haben, gibt Schülern in der Regel mehr Sicherheit und hilft, Vertrauen aufzubauen.